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Die Entdeckung der Langsamkeit vor dem Hintergrund der musikalischen Phänomenologie


„Es gibt nur ein Tempo – und das ist das richtige.” Der rumänische Dirigent Sergiu Celibidache hat den Gehalt dieses Ausspruchs Wilhelm Furtwänglers zeitlebens weiterverfolgt und darauf aufbauend seine musikalische Phänomenologie entwickelt. In diesem Zusammenhang ist der Begriff Tempo sehr abstrakt zu verstehen, weshalb er auf keinen Fall auf die messbare physikalische Größe der Geschwindigkeit reduziert werden darf. Für Celibidache war das („richtige”) Tempo eine notwendige Bedingung dafür, dass das Phänomen Musik überhaupt erst entstehen kann. Wodurch aber ist dieses Tempo definiert?

Zum einen muss bei der Aufführung eines Werkes stets gewährleistet sein, dass alle Informationen der erzeugten Töne wahrnehmbar sind, damit diese vom Hörenden zu einer übergeordneten Einheit zusammengefügt werden können, die schließlich das eigentliche Musikerlebnis ausmacht. Das heißt also, dass nicht nur der soeben erzeugte Ton an sich von Bedeutung ist, sondern auch seine wahrnehmbaren Unter- und Obertöne („Epiphänomena” oder Nebenerscheinungen). Diese entstehen jedoch nicht zeitgleich mit dem Hauptton, sondern etwas später, so dass ihnen genügend Zeit zur vollkommenen Entfaltung eingeräumt werden muss. Die Dauer dieses „Entfaltungsvorgangs” hängt u.a. auch vom jeweiligen Instrument ab. So benötigt beispielsweise das Horn viel mehr Zeit zur Tonentfaltung als etwa die Violine. Die angesprochenen Nebenerscheinungen, die nicht nur durch die Höhe und Dauer des Haupttones, sondern auch durch dessen Lautstärke, Klangfarbe etc. charakterisiert sind, können umso schwerer getrennt wahrgenommen werden, je größer ihre „Opposition” ist (z.B. bei gleicher Lautstärke oder gleicher Klangfarbe aufeinander folgender Haupttöne).

Daraus folgt, dass das Tempo mit zunehmender Opposition langsamer gewählt werden muss und umgekehrt. Ist das Tempo zu schnell, überlappen sich die einzelnen Epiphänomena und ein Teil der Informationen geht verloren, was zwangsläufig in einem „Klangbrei” resultiert. Ein geistiges Abstrahieren zu einer übergeordneten Einheit ist dann nicht mehr möglich. Bei einem zu langsamen Tempo hingegen sind zwar alle Nebenerscheinungen wahrnehmbar, die jedoch zeitlich völlig voneinander isoliert sind und somit ebenfalls nicht zur metaphysischen Unitas zusammengefügt werden können. Das „richtige” Tempo, das aufgrund der Akustik des Raumes und anderer lokaler Gegebenheiten in der physikalisch gemessenen Zeit natürlich sehr variiert, zeichnet sich also dadurch aus, dass alle Nebenerscheinungen bei engster zeitlicher Aneinanderreihung hörbar sind. Erst dann ist das Entstehen von wahrer Musik, die in der Lage ist, sowohl den Raum als auch den Geist der sich in ihm befindlichen Personen zu erfüllen, möglich.

Ist diese geniale Schlussfolgerung Celibidaches aber nicht auch ein Sinnbild für das menschliche Leben an sich? Gerade in unserer heutigen Zeit, in der der Schnelligkeit ein besonders hoher Stellenwert eingeräumt wird, lohnt es sich, diese Parallelen näher zu beleuchten.

Gehen wir davon aus, dass wir als Hauptgröße nicht einen Ton, sondern eine bestimmte Information untersuchen. Um diese bis ins Detail erfassen zu können, ist eine genaue Betrachtung ihrer zeitlich nachfolgenden Nebeninformationen und Konsequenzen (=Epiphänomena) nötig. Dieser Prozess wird im Allgemeinen als „Verarbeiten” oder „Auf-sich-wirken-lassen” bzw. im fortgeschrittenen Stadium als „Abwägen” bezeichnet. Fehlt die Zeit zur Verarbeitung einer bestimmten Information, wird deren Wesen nicht in seiner Gänze erfasst, was – in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation – äußerst negative Auswirkungen zur Folge haben kann. Als Beispiele hierfür wären etwa übereilt getroffene und deshalb fehlerhafte politische oder berufliche Entscheidungen anzuführen. Der Einwand, dass es heutzutage aufgrund der ständig auf uns einprasselnden Informationsflut doch gar nicht mehr möglich sei, alle Informationen bis ins letzte Detail zu erfassen, scheint hier gerechtfertigt. Die Lebenszeit eines Menschen müsste nämlich mehrere Jahrhunderte betragen, um zumindest den Großteil der Informationen im annähernd „richtigen” Tempo aufnehmen zu können. Dies ist aber bei genauerem Hinsehen gar nicht nötig, da wir bei der Betrachtung von allgemeinen Informationen – im Gegensatz zur Musik – in der Lage sind, die Anzahl der Hauptphänomene, also die Informationen selbst, in dem Maße zu verringern, bis die verbleibenden, gewissermaßen essentiellen Eindrücke im „richtigen” Tempo wahrgenommen werden können. Dem Menschen ist es möglich, potentielle Quellen unwichtiger Informationen (z.B. Fernseher, Hintergrundmusik etc.) gezielt zu meiden, so dass die für die betreffende Person wichtigen Eindrücke in ihrem vollen Umfang, also inklusive ihrer Epiphänomena, verarbeitet werden können. Damit ist die Grundvoraussetzung für ein eindrucksvolles und zeitgemäßes, also erfülltes und wohltemporiertes Leben klar definiert.

Dies trifft in besonderem Maße auch auf Kleinkinder, v.a. in den ersten Lebensjahren, zu. Wird ihnen nicht genug Zeit zur Verarbeitung der Eindrücke aus ihrer Mitwelt gegeben, löst dies nicht nur eine Stresssituation, sondern auch ein erhebliches Defizit an bisweilen lebenswichtigen Informationen aus. Dieses wird, je nach Ausmaß, mehr oder weniger schwere Folgen auf die Entwicklung des Kindes und dessen späteres Verhalten haben. Daher sollte es gerade für die Eltern eine der Hauptpflichten sein, ihre Kinder vor der zerstörerischen Informationsflut (z.B. durch Talkshows, Gameboy, ständig eingeschaltetes Radio usw.) zu schützen. Durch diese Vorabfilterung der Information gewinnt das Kind die zum vollständigen Erfassen der essentiellen Eindrücke nötige Zeit, die sonst für die zusätzliche Informationsaufnahme und deren anschließende Bewertung hätte aufgewendet werden müssen, wobei Letztere noch zusätzlich mit der Möglichkeit des Irrtums behaftet ist. Denn woher sollte ein neuer Erdenbürger wissen, welche Informationen für das Leben an sich wichtig und welche unwichtig sind?

Die musikalische Phänomenologie lässt sich auch auf unsere moderne Arbeitswelt übertragen. Hier hat sich aufgrund des allgemeinen Zeitmangels der Trend zur Oberflächlichkeit durchgesetzt, bei dem es nicht auf das bestmögliche Produkt bzw. die optimale Dienstleistung ankommt, sondern lediglich auf die „Zufriedenstellung” des Kunden. Da der Großteil eines jeden Kundenstamms in erster Linie aus Laien besteht, stellt ein schnelles und für den Kunden befriedigendes Ergebnis, dem es aber an Tiefe und genauerer Hinterfragung fehlt, logischerweise das betriebswirtschaftliche Optimum dar. Warum sollte man auch mehr Zeit für etwas investieren, das von den meisten Kunden ohnehin nicht erkannt und somit auch nicht verlangt wird? Eine solche Fragestellung, die man sehr häufig im Dienstleistungssektor antrifft, ist sowohl jeder ethischen als auch der phänomenologischen Anschauungsweise fremd.

Auf ein erfülltes Leben wird nämlich nur derjenige zurückblicken können, der im Streben nach dem von ihm selbst definierten Lebensziel die hierfür notwendige phänomenologische „Langsamkeit” entdeckt und ausschließlich auf jener Basis der zeitintensiveren, aber dafür vollständigen Erfassung sein Bestes auf einem bestimmten Gebiet gegeben hat.

Die wohl treffendste Zusammenfassung dessen, was im Vorigen zur Analogie von musikalischer Phänomenologie und der Entdeckung der Langsamkeit im menschlichen Leben gesagt wurde, stellen zweifelsohne die mysteriösen Worte der neun verstorbenen Meister der Tonkunst in Hans Pfitzners Oper „Palestrina” dar, die den meditativen Abschluss der vorliegenden Betrachtung bilden sollen:

„In dir, Pierluigi
Ist noch ein hellstes Licht;
Das erstrahlte noch nicht.
Ein letzter Ton noch fehlet
Zum klingenden Akkord;
Als der ertönst du dort.
Den Schlußstein zum Gebäue
Zu fügen sei bereit;
Das ist der Sinn der Zeit.
Wenn du dein ganzes Bild aufweist,
Wenn dein’ Gestalt vollkommen,
So, wie sie war entglommen,
Von Anbeginn im Schöpfergeist:
Dann strahlst du hell, dann klingst du rein,
Pierluigi du,
An seiner schönen Ketten
Der letzte Stein.”

© 2005 Frank Fojtik


Weiterführende Informationen zum Thema:
– Serge Ioan Celebidachi „Der Garten des Sergiu Celibidache” (DVD)
– Sergiu Celibidache: „Über musikalische Phänomenologie” (Buch)
(Bestellmöglichkeit:
http://www.celibidache.net)

Frank Fojtik | info@frankfojtik.com